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Heute noch heiraten?

Dr. Alfred Kriegler

Heute noch heiraten?

Warum heute noch heiraten?„Es wurde ein großes Hochzeitsfest gefeiert und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.“ Dieser schöne Satz steht am Ende vieler Märchen. Nach Abenteuern, Konflikten und der Überwindung diverser Widerstände finden zwei Menschen in einem Happy-End zueinander. Und nicht ohne Grund spricht man auch im wirklichen Leben von einer „Märchenhochzeit:“ Die Braut sieht aus wie eine Prinzessin, die Hochzeit wird inszeniert wie ein Hollywoodfilm, immer häufiger sogar mit Unterstützung von professionellen Hochzeitsplanern, die das Drehbuch liefern und die Regie übernehmen. Schließlich geht es um den schönsten Tag im Leben zweier Menschen, und da soll alles passen, von der Location bis zum Blumenschmuck und zur Hochzeitstorte.Nicht alle jedoch leben vergnügt bis an ihr Ende. Statistisch gesehen geht fast jede zweite Ehe wieder auseinander. Die Zahlen für 2011 für Österreich: Es wurden 36.426 Ehen geschlossen und 17.295 Ehen geschieden.Angesichts dieser Zahlen könnte man an der Institution der Ehe berechtigterweise zweifeln. Der ganze Aufwand mit der Hochzeit, ist das nicht vielleicht lediglich Ausdruck eines bedenklichen Realitätsverlusts und einer längst überholten Romantik? Die Menschen gehen ja offenbar mit Erwartungen in die Ehe, die nicht erfüllt werden. Und wenn fast die Hälfte aller Ehen wieder geschieden wird, so hat das doch auch Konsequenzen für die Kinder und das gesamte Lebensumfeld der nunmehr geschiedenen Eheleute!Als Anwalt mit dem jahrzehntelangen Schwerpunkt Familienrecht kann ich vor diesen Tatsachen nicht die Augen verschließen. Jeden Tag kommen Menschen zu mir, die ihre Ehe beenden wollen oder müssen und die mich um Rat und Hilfe in dieser schwierigen Situation ersuchen. Enttäuschte, verletzte, wütende, traurige Menschen, die von ihrem Partner verlassen wurden; und auch die andere Seite, Menschen, die ihren Partner verlassen haben oder dies vorhaben. Vom juristischen Standpunkt aus betrachtet geht es nun in erster Linie um das Aufteilen von materiellen Gütern, um Unterhaltsfragen und die Obsorge für die Kinder. Doch es geht auch um etwas anderes, nämlich um immaterielle Werte und um Symboliken. So durfte ich nicht nur einmal in meiner langjährigen Berufslaufbahn Situationen wie diese erleben: Freitag Nachmittag vor Gericht, endlich ist der Vergleich vor dem Abschluss, in Kürze geht es für alle Anwesenden ins wohlverdiente Wochenende – wäre da nicht der Streit um die Originale der Hochzeitsfotos, der sich fast zwei Stunden hinzieht. Heute sind die Daten digital vorhanden, das hat diese Problematik entschärft, doch Diskussionen um Hochzeitsgeschenke und Erinnerungsstücke sind Zeichen davon, dass die Ehe, auch wenn sie gescheitert ist, nach wie vor eine besondere Bedeutung hat. Denn auch wenn für manche Menschen die Ehe zu einer Art Konsumgut geworden sein mag, für die meisten meiner Klientinnen und Klienten stellt sich das aus meiner langjährigen Erfahrung anders dar. Sie trauern. Über das Ende des Märchens. Darüber, dass ihre Vorstellungen vom Zusammenleben sich nicht erfüllt haben. Sie trauern darüber, dass ihre Hoffnungen auf ein glückliches Leben mit einem geliebten Partner wie Seifenblasen zerplatzt sind. Und sie glauben weiterhin an die Ehe, auch wenn ihre eigene nun gescheitert ist – und manche planen mit einem neuen Partner sogar schon die nächste Hochzeit oder gehen mit Zuversicht in eine neue Beziehung. Die ganze Bandbreite menschlicher Dramatik, die sich rund um Trennungen und Scheidungen zeigt, verstellt uns den Blick auf die anderen fünfzig Prozent. Mehr als die Hälfte aller Eheschließungen führt schließlich zu dauerhaften Ehen. Es gibt Silberhochzeiten, Goldene und sogar Diamantene Hochzeiten und immer beliebter wird auch die regelmäßige Erneuerung des Eheversprechens im Rahmen eines schönen Festes mit der Familie, mit Verwandten und Freunden. Die Symbolik, aber auch die Realität des gelebten Eheversprechens ist also auch nach zehn, zwanzig und mehr Ehejahren für viele Menschen von großer Bedeutung. Und wir dürfen auch nicht übersehen, dass es neben der klassischen Ehe eine Fülle von Formen gibt, in denen Menschen ohne Trauschein zusammenleben. Die Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung führte in den letzten Jahren in vielen Ländern zu neuen, auch rechtlich abgesicherten, Formen des Zusammenlebens wie beispielsweise den eingetragenen Partnerschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern. Und es gibt auch viele Lebensgemeinschaften, in denen die Partner individuelle Vereinbarungen treffen. – Warum heute noch heiraten? Diese Frage stellen sich viele, das heißt aber nicht, dass sie sich nicht mit einem Partner oder einer Partnerin zusammentun möchten. Sie finden eben ihre eigenen Wege des Zusammenlebens, in denen sie sich auch ohne Trauschein einander zugehörig fühlen und zueinander stehen. Und erfreulicherweise gehen immer mehr Menschen reflektiert an die Verbindung ohne Trauschein heran. Sie wollen der Verantwortung, die sie füreinander zu übernehmen bereit sind, durch vertragliche Vereinbarungen zur gegenseitigen Absicherung Ausdruck verleihen. Wie ich auch bei klassischen Eheschließungen seit einigen Jahren sehe, dass bei aller Romantik rund um die Planung der Märchenhochzeit das Thema Ehevertrag immer wichtiger wird. Ein Ehevertrag ist keinesfalls ein Zeichen mangelnden Vertrauens, weil der Partner, der einen abschließen möchte oder fordert, damit das Scheitern von vornherein mit einkalkuliert. Ich sehe die Bereitschaft zum Vertrag vielmehr als Ergebnis eines Reifeprozesses im Zuge der Emanzipation. Frauen und Männer bringen schließlich heute gleichermaßen materielle Güter in die Ehe ein und möchten diese im Fall des Falles nicht in einem Rosenkrieg, der auf beiden Seiten nur Verlierer erzeugt, aufs Spiel setzen. Meist werden Fragen von Vermögen, Vermögensaufteilung, Unterhalt, aber vermehrt auch erbrechtliche Belange geregelt. Und auch wenn Auseinandersetzungen bei der Scheidung damit natürlich nicht vollkommen ausgeschlossen werden können – wer streiten will, wird es tun –, lassen sich Konflikte mit einer solchen Vereinbarung zumindest eingrenzen. Ein Ehevertrag kann eine Ehe stärken und die Beziehung sogar festigen. Denn beide Partner wissen, woran sie im Falle einer Scheidung sind. Böse Überraschungen bei der Vermögensaufteilung oder in Unterhaltsfragen bleiben aus. Und ein Ehevertrag verhindert ja nicht, dass sich jemand im Falle einer Scheidung großzügiger gegenüber dem Partner oder der Partnerin erweist als „nötig“. Für eine solche reflektierte und vernünftige Haltung zur Ehe spricht, dass in Österreich der Großteil der Scheidungen einvernehmlich erfolgt. Und auch mein Bestreben ist es in der Regel, diese Form der Scheidung zu erreichen – es ist einfach jene Lösung, die den geschiedenen Eheleuten die größte Chance auf ein neues Lebensglück bringt. Bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der gegenseitigen Gesprächsbereitschaft, wenn es beispielsweise darum geht, auch nach der Scheidung die Verantwortung für die gemeinsamen Kinder auch gemeinsam zu tragen. Daher unterstütze ich meine Klienten besonders darin, dass sie gemeinsam Lösungen erarbeiten und zu eigenen Entscheidungen finden. Dazu gehört auch, Konflikte sachlich aufzuarbeiten und das Zerstörungspotenzial so gering wie möglich zu halten. Denn schließlich haben diese beiden Menschen ja auch schöne gemeinsame Erinnerungen, haben vielleicht viele Jahre glücklich miteinander gelebt, sich eine gemeinsame Existenz aufgebaut, bevor sich das Blatt wendete und sie sich aus welchen Gründen auch immer zu einer Trennung entschlossen haben.Es ist natürlich verständlich, dass man in einer ehelichen Krise die besten Freundinnen und Freunde, Familienmitglieder oder Verwandte konsultiert, um sich den Kummer von der Seele zu reden oder sich strategische und taktische Ratschläge geben zu lassen. Doch im Sinne der beschriebenen vernünftigen Vorgehensweise sollte man sich nach dem Abklingen der ersten emotionalen Aufwallung auf jeden Fall Rat vom Spezialisten holen. Denn auch wenn die wohlmeinende Verwandtschaft – möglicherweise aufgrund eigener Erfahrungen – um Tipps nicht verlegen ist, diese können die professionelle Beratung niemals ersetzen. Und ein Termin beim Juristen ist ja nicht gleich der unausweichlich erste Schritte zur Scheidung, sondern vor allem einmal die Auseinandersetzung mit Rechten, Pflichten und Risiken, die dann zu eigenständigen und überlegten Entscheidungen führen sollte. Der Anwalt kann mit seinem Erfahrungsschatz hier auch wesentlich weitsichtigeren Input geben als selbst die scheidungserfahrensten Mitglieder des Freundeskreises, denn jede Lebens- und Ehesituation stellt sich anders dar und es müssen viele Details betrachtet werden. Viele Menschen gehen nach der Scheidung eine neue Partnerschaft ein. Umso wichtiger ist es, dass die Trennung oder die Scheidung den Umständen entsprechend gut verläuft. Es ist wichtig, hier nicht ein Scheitern zu konstatieren und mit der Vergangenheit zu hadern, sondern – und das ist auch eine wichtige Maxime bei meiner Arbeit – es muss möglich sein, nach der Enttäuschung oder Verletzung, die eine Scheidung mit sich bringt, das Lebensglück wieder zu finden. Das Scheitern einer Ehe ist in diesem Sinne daher nicht nur ein unerfreulicher Endpunkt eines Lebensabschnitts, sondern oft auch ein „Gescheiter werden“. Die Menschen werden reifer, sie entwickeln sich weiter, sie wollen noch mal von vorne anfangen, es besser machen. Manchmal wiederholen sich die Muster, dann geht es wieder schief, oft aber gelingt es, dann ist die neue Partnerschaft erfüllend und bereichernd, und die so vielleicht entstandene „Patchworkfamilie“ bietet ganz neue Erfahrungsperspektiven für alle, die Eltern wie die Geschwister und Stiefgeschwister. „Patchwork“ steht für die Technik, aus unterschiedlichen Stoffen gemütliche Decken und Kissen mit fantasievollen Mustern und Bildern zusammenzusetzen – und Patchworkfamilie klingt doch auch gleich viel sympathischer als Stieffamilie. Eltern und Kinder, die lösungsorientiert durch eine Trennung gehen konnten, sind für neue, erfolgversprechende Verbindungen und Beziehungen offen und diese Familiengemeinschaften sind eine dieser Formen, die immer häufiger anzutreffen sind.Warum heute noch heiraten? Die Zahlen geben nur einen unscharfen Einblick in die Wirklichkeit. Denn es leben viele Menschen ohne Trauschein zusammen und nicht alle Ehepaare, die sich auseinander gelebt haben, lassen sich auch scheiden. Es gibt eine Vielzahl von Lebensformen des Miteinander von Menschen, die weder statistisch erfasst noch immer öffentlich sichtbar sind. Die Buntheit des Lebens lässt sich also an Statistiken nicht ablesen. Meine berufliche Erfahrung zeigt mir diese Vielfalt jedoch jeden Tag aufs Neue. Und unser Rechtssystem reagiert auf diese Buntheit erfreulicherweise mehr und mehr. Wir haben heute nicht mehr nur mit der klassischen Ehe zu tun, ich sehe verschiedene Form von Partnerschaften, und ich sehe angesichts der Realität von Scheidungen und Trennungen auch sehr viel bewusstere Entscheidungen für Ehe, für Lebensgemeinschaft, für ein Miteinander, das nicht von einer überzeichneten Romantikvorstellung geprägt ist, sondern von dem menschlichen Wunsch nach Partnerschaft, Gemeinsamkeit und gegenseitigen Respekt.Die Ehe ist also kein Auslaufmodell, sie verändert sich nur. Menschen haben weiterhin das Bedürfnis, ihre Liebe, ihr Glück, ihre Freude über ihre Verbindung nach außen zu zeigen, sie wollen sich gegenseitig und ihrem Umfeld sagen: Wir gehören zusammen, wir teilen Freud und Leid, wir ziehen gemeinsam Kinder groß, wir bauen uns etwas auf, wir geben etwas weiter. Und es entspricht eben der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, dass sich durch die in den letzten Jahrzehnten merklich gestiegene Lebenserwartung auch unterschiedliche Lebensphasen herausbilden, die auch unterschiedlich gestaltet werden. Heute sind die Menschen schließlich bis ins hohe Alter körperlich fit und geistig rege, und selbst Eheschließungen mit 60 plus sind keine Seltenheit mehr. Der etwas negativ besetzte Begriff „Lebensabschnittspartner“ ist daher auch vor allem ein Ausdruck dieser veränderten gesellschaftlichen und sozialen Voraussetzungen und keine Abwertung der damit bezeichneten Personen. Und es ist auch ein Zeichen von Wahlfreiheit, die die Menschen sich heute nehmen, wenn sie merken, es geht ihnen in ihrer Beziehung nicht mehr gut und sie möchten etwas verändern. Wenn es im beiderseitigen Einvernehmen geschieht, umso besser, denn es ist auch als Ausdruck von Selbstbestimmung zu sehen, die beiden Partnern in ihrem Leben neue Chancen eröffnet.Die Magie des Miteinander wirkt mit und ohne Trauschein. Wenn Menschen sich finden, die gemeinsam ein Stück des Weges oder den ganzen Weg gehen möchten, dann ist das etwas Wunderbares. Die Ausgangsfrage „Warum heute noch heiraten?“ möchte ich daher umformulieren: Warum nicht gerade heute eine Partnerschaft eingehen, mit Freude und Zuversicht die Verantwortung füreinander übernehmen, anderen ein Vorbild sein und die Welt mit Freude und Glück bereichern? Die Chancen stehen gut, dass das Vorhaben gelingt und dass etwas Spannendes daraus entsteht, das eine Bereicherung für alle Beteiligten ist. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Jurist, aber auch als Ehemann und Familienvater, kenne ich auch die Geheimnisse, damit dies gelingt. Das erste Geheimnis lautet: So lange die Menschen miteinander reden, ist Partnerschaft möglich. Wo es Kommunikation gibt, findet man gemeinsam auch aus dem größten Tief heraus, das Gespräch ist eines der wesentlichsten Erfolgsmerkmale funktionierender Beziehungen. Daher ist es auch wichtig, dafür zu sorgen, dass dieses Gespräch zwischen Ehepartnern, Lebenspartnern, Eltern und Kindern nie abreißt. Das zweite Geheimnis: Zeit miteinander verbringen. Gemeinsame Erlebnisse und gemeinsame Erinnerungen schaffen. Sich Zeit füreinander nehmen, miteinander reden, einander zuhören, sich auf Probleme und Sorgen des anderen einlassen und auch nicht davor zurückscheuen, über die eigene Befindlichkeit offen zu sprechen. Und das dritte Geheimnis: Im Falle einer Krise nicht sofort an Trennung oder Scheidung denken, sondern gemeinsam die Möglichkeiten ausloten, welche Chancen die Verbindung real noch hat. Aus meiner Erfahrung wird manchmal zu schnell und auch unüberlegt geheiratet, aber viele Paare lassen sich auch vorschnell scheiden. Das ist tragisch, manchmal menschlich nachvollziehbar, oft wäre es aber noch umkehrbar, wenn die Partner rechtzeitig Rat eines Dritten eingeholt und sich gemeinsam um die Aufrechterhaltung der Verbindung bemüht hätten. Aus meiner Sicht ist es dazu nie zu spät – und es soll ja auch schon vorgekommen sein, dass zwei Menschen ein zweites Mal geheiratet haben oder sich nach einer Auszeit nach ihrer Scheidung wieder gefunden haben.„Und sie feierten ein großes Fest und lebten vergnügt bis an ihr Ende!“, das ist der Schlusssatz im Märchen. Es ist aber auch der erste Satz in einer gemeinsamen Zukunft, die viele Optionen für Glück und Zufriedenheit bereithält.
Der Scheidungsratgeber

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